17.05.2006

Josie die zweite

Und noch ein Text über Josephine - diesmal in der Gegenwart. Wir sollten alle Chars, die der Kurs so entwickelt hatte, in einen Text packen... Ich hoffe, mir ist das einigermaßen gut gelungen - lest selbst:


Das Klassentreffen


Josie zog noch einmal ihre Lippen nach und warf einen prüfenden Blick in den Spiegel – perfekt! Der dunkle Lidschatten brachte ihre grünen Augen erst richtig zum Leuchten und das neue schwarze Spitzenkleid betonte mit seinem weiten Rock ihre schlanke Figur. Josie hatte schon immer gern schwarz getragen, was früher oft für dumme Bemerkungen gesorgt hatte. Sie zuckte die Schultern – egal, heute würde sie es ihnen zeigen. Heute war der perfekte Abend. Sie sah gut aus, hatte das perfekte Make-up für das perfekte Kleid und nichts würde ihr ihren Triumph ruinieren. Vor zwei Wochen war die Einladung zum Klassentreffen gekommen und erst hatte Josie gar nicht hingehen wollen. Bis ihre Freundin Lilith sie überredet hatte. „Du musst da hingehen! So schlimm wird es nicht werden. Schließlich bist du nicht mehr die kleine Josie von damals, sondern eine renommierte Autorin – ich wette, du bist von allen am erfolgreichsten.“ Lachend hatte Josephine nachgegeben – Lilith hatte recht. Ihre Schulzeit war zwar alles andere als toll gewesen, aber sie hatte sich ziemlich verändert und es würde Spaß machen, ihren ehemaligen Mitschülern zu zeigen, dass aus ihr trotz – oder gerade wegen – ihrer andauernden blöden Sprüche etwas geworden war. Aus der rebellischen Träumerin, die ihre roten Locken schwarz färbte und sich in der Schule langweilte war eine junge (mittlerweile wieder rothaarige) Frau geworden, die unter dem Namen Josephine Glace Fantasy-Romane schrieb und als neuer Stern am Autoren-Himmel gehandelt wurde. Sie war erfolgreich, das ließ sich kaum bestreiten. Josie steckte noch schnell ihre Schlüssel ein und verließ das Haus. In der Schule angekommen atmete sie noch einmal tief durch. Auch wenn sie nach außen hin cool wirkte, war sie doch ein wenig nervös. 10 Jahre war es jetzt her, dass sie den Abschluss gemacht hatte und sie hatte immer gedacht, das sie diesen grauen Kasten nie wieder betreten würde. „Josie? Josephine?? Bist du das wirklich? Ich kann ja kaum glauben, das du es bist – wie hast du dich verändert!!!“ Oh nein... Nicht Sandy! Warum musste ihr ausgerechnet Sandy gleich am Anfang über den Weg rennen! Noch bevor sie Zeit hatte, sich nach einem Fluchtweg umzusehen fiel ihr schon ein strahlendes blondes Bündel um den Hals, das nur aus weißen Zähnen, pinkfarbendem Lippenstift und dem Geruch von Pfefferminzkaugummis zu bestehen schien. „Ah, hallo Sandy. Wie…“ (Josie suchte nach einem passenden Wort, das nichts mit *du gehst mir auf die Nerven* zu tun hatte) „...nett, dich hier zu sehen.” Sie versuchte mühsam, sich aus der klammernden Umarmung der damaligen Cheerleaderin zu befreien. Ausgerechnet Sandy... In der Schule hatten sie kaum mehr als zwei Worte miteinander gewechselt. Sandy hatte ihre Girlie-Clique und Josie – Josie hatte ihre Bücher. Während Sandy sie plappernd in die Aula zog lief vor Josephines geistigem Auge ein Film ab. Sie selbst im schwarzen Schlabberlook an ihrem Spind, wie immer einen dicken Roman unter den Arm geklemmt. Kai, der ein paar Meter weiter stand und Sandy, die im kurzem Miniröckchen über den Flur stöckelte – allseits beliebt, immer lächelnd, immer freundlich, immer einen Schweif gackernder Mädchen hinter sich herziehend. Sie WAR nett, das musste Josie zugeben, aber sie war auf diese überzogene zuckersüße Art nett, von der Josie fürchtete, Karies zu bekommen. Sandy war immer überall vertreten und kümmerte sich um alles – eines der Mädchen, die einem Mittwochs schon freudestrahlend ein „wunderschönes Wochenende!!!“ wünschen und glaubten, es existiere keine Cliquenbildung an den Schulen. „Josie? Hörst du mir überhaupt zu?“ „Was? Oh, entschuldige, ich war ganz in Gedanken. Was hast du gesagt?“ „Ich fragte dich, was du so machst.“ Da war sie, DIE Chance, von ihrem Erfolg zu erzählen und der zuckersüßen Sandy zu erklären, das sie ihren Traum verwirklicht hatte. „Ich...“ Josie wollte grade anfangen, da wandte Sandy sich ab. „Sorry, aber da ist Joseph, ich muss ihm unbedingt was sagen. JOSEPH, warte mal!!!“ Sprach’s, drehte sich um und ließ Josie stehen. „Immer noch die gute alte Sandy, hm?“ ertönte hinter ihr eine wohlklingende Stimme. „Kai! Ich wusste gar nicht, das du auch kommst! Wie schön dich zu sehen!!!“ Josie hatte Kai ohne die zotteligen Dreadlocks und seine geliebten zerissenen Jeans erst gar nicht erkannt. In der Schule waren sie befreundet gewesen, sie war eines der wenigen Mädchen gewesen, die sich nicht von seinen Kifferfreunden und seiner Vogelspinne hatte abschrecken lassen. Im Gegenteil – sie war fasziniert gewesen von Ruby und hatte sie als Vorlage für die eine oder andere Geschichte genommen. Leider hatten sie sich nach dem Abschluss aus den Augen verloren – umso schöner war es, dass sie sich hier wiedertrafen. „Josephine Glace... Du hast dich verändert.“ Anerkennend musterte Kai sie und Josie wurde doch tatsächlich ein bisschen verlegen. „Du aber auch – wo sind die Jeans und die Dreadlocks?“ Kai zuckte mit den Schultern und grinste jungenhaft. „Na ja, irgendwann wird halt jeder mal erwachsen – und außerdem hält Lena nichts von zerissenen Hosen.“ „Du bist jetzt mit Lena zusammen?“ Josie erinnerte sich noch gut an die lebhafte Russin, die im vorletzten Schuljahr zu ihnen gestoßen war. Lena war trotz ihrer Sprachschwierigkeiten schnell zurechtgekommen, was sie nicht zuletzt ihrer kontaktfreudigen Art und ihrem Charisma zu verdanken hatte. Die Jungs rissen sich darum, mit ihr auszugehen und die Mädchen halfen ihr gern bei den Sachen, die sie nicht verstand. „Wo ist Lena? Hast du sie nicht mitgebracht?“ „Leider hatte sie keine Zeit, sie ist grade zu Besuch bei Verwandten und konnte nicht weg.“ Schade – Lena war eine der wenigen Personen, auf die Josie sich gefreut hatte. Sie unterhielten sich etwa eine Stunde lang und plötzlich fiel Josie ein, das sie Kilian noch gar nicht gesehen hatte. „Sag mal, weißt du, was aus Kilian geworden ist?“ Josie hatte eine lockere Freundschaft mit Kilian gehabt, aber heimlich immer für ihn geschwärmt. Er war anders als die anderen, ein eher stiller Typ, der sich rührend um seine Schwester kümmerte und nebenher in einem Museum jobbte. Josie war neugierig, was aus ihm geworden war. „Das weißt du nicht? Kilian hat Archäologie studiert und ist jetzt Dozent. Nebenher reist er in der Weltgeschichte rum und stöbert alte Dinge für ein großes Museum auf. Im Moment ist er glaub ich in Tibet oder so.“ Kilian war also ein erfolgreicher Archäologe – na ja, für Museen hatte er ja schon immer geschwärmt. Josie nahm sich vor, seine Adresse rauszukriegen und sich mal bei ihm zu melden. Vielleicht konnten sie ihre Bekanntschaft wieder auffrischen? Am Ende des Abends war Josie ganz überrascht, wie gut sie sich amüsiert hatte – Lilith hatte recht behalten, so schlimm war es nicht gewesen und zum nächsten Klassentreffen würde sie sicher wieder gehen.

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