17.05.2006
Josie
In "Die Qual der Wahl" hab ich ja schon ein wenig über meinen Kreativ Schreiben Kurs erzählt. Hier ist jetzt der erste Text, den ich dafür geschrieben hab, Josefine aus dem Jahre 1487:
Josefine – Anno Domini MCDLXXXVII
Schwarzer Rauch stieg zum Himmel empor und verdunkelte die Sonne. Der harzige Geruch brennenden Holzes wurde rasch durch den beißenden Gestank verbrannter Haare verdrängt, als die Flammen sich ihren Weg bahnten. Schrille Schreie gellten durch die Luft, mischten sich mit dem kreischenden Gejohle der Menge: „Seht her, da brennt sie, Elisabeth die Hexe, das Teufelsliebchen!!!“ Josefine ballte ihre Hände zu Fäusten. Wolken glühender Asche regneten auf sie herab, als ein Windstoß das Feuer weiter entfachte. Aber sie bleibt stehen, starrte stumm auf den Scheiterhaufen, während lautlose Tränen versuchten, ihren Schmerz zu löschen. Dort brannte Elisabeth, ihre kleine Schwester. Elisabeth, mit der sie als Kind Fangen gespielt hatte. Elisabeth, die so gern gelacht hatte und deren rotgoldene Haare sie jeden Abend zu dicken Flechten verwoben hatte. Jetzt verzog sich ihr Mund zu furchtbaren Schreien, weil Flammen sie in eine lodernde Fackel verwandeln wollten. Wenn sie ihr doch nur helfen könnte! Josefine streckte die Arme aus, stolperte schluchzend vorwärts, blind vor Tränen. Sie musste ihrer Schwester doch beistehen, ihr sagen, das alles gut werden würde, wie damals, beim Tod ihrer Mutter! Sie musste Elisabeth doch helfen!!! Aber sie konnte sie nicht erreichen, die Flammenwand war schon zu dich und die Hitze war zu groß. Hilflos musste Josefine mit ansehen, wie ihre geliebte Schwester sich in ein Häufchen Asche verwandelte, währen ein Meer von Mündern sie auslachte. Stumm stand sie da, die Hitze verdampfte ihre Tränen und endlich brachen sich Schmerz und Wut Bahn. Josefine schrie, schrie bis sie keine Luft mehr bekam und ihre Stimme zu einem heiseren Flüstern wurde. Aber niemand hörte sie, niemand reagierte, niemand kam, um Elisabeth zu helfen...
Etwas knallte laut und Josefine wachte auf. Heinrich stand vor ihr, er war wütend und hatte sie mit einer Ohrfeige geweckt. „Nichtsnutziges Weib! Nicht einmal schlafen lässt du mich! Du weißt doch, das wir morgen zur Frühmesse in die Stadt gehen und du brüllst hier rum dass die Milch sauer wird! Jetzt halt’s Maul und schlaf, dumme Pute!!“ Josefine wollte gerade etwas erwidern als ihr Blick auf die glühenden Holzscheite der Kochstelle fiel. Erschauernd wandte sie sich ab – seit einem Jahr trauerte sie jetzt um ihre Schwester, die unschuldig ein Opfer der Inquisition geworden war. Abend für Abend weinte sie um Elisabeth, bis sie erschöpft einschlief. Anfangs suchte sie noch Trost bei ihrem Mann, aber Heinrich war fest davon überzeugt, das Elisabeth schuldig war. Die andauernden Streitereien zermürbten sie mehr als die Prügel, die sie regelmäßig wegen ihres frechen Mundwerks bezog. Es kam Josefine vor wie eine ewige Spirale, ein Kreislauf, aus dem es keinen Ausweg gab. Und so machte sie weiter, mit ihrem Leben, das sie hasste, ihrem Mann, der sie nicht verstand, ihrer Trauer und ihrem Zorn, die langsam ihre Seele vergifteten. In diesem Moment wurde ihr klar, das es so nicht weitergehen konnte. Wenn Heinrich sie noch einmal schlug würde die ganze gärende schwelende Wut wie ein Sturm über sie hereinbrechen und sie wusste nicht, was dann passieren würde.
Am nächsten Tag begleitete Josefine Heinrich in die Kirche. Wiederwillig setzte sie sich und ließ ihre Gedanken schweifen – sie sah keinen Grund, aufmerksam zuzuhören. Die Kirche hatte ihr das Liebste genommen und ohnehin verstand sie kein Wort von dem, was der Pater da auf seiner Kanzel erzählte. Heinrich dagegen hing wie immer gebannt an den Lippen des Priesters. Josefine wusste, dass er ohne zu zögern sein ganzes Hab und Gut weggeben würde, sollte die Kirche es je von ihm verlangen. Heinrich erhoffte sich davon Erlösung vor dem Fegefeuer. Armer Teufel! Die Flammen kriegten einen immer, wenn sie einen wollten, Josefine hatte es vor einem Jahr gesehen. Elisabeth war die Unschuld in Person gewesen und dennoch hatte sie dem Feuer nicht entkommen können...
„Quia tuum est regnum, et potestas, et gloria in saecula, Amen!“ Erschrocken sah Josefine auf, als sie einen Stoß in die Rippen bekam. Heinrich warf ihr einen bösen Blick zu und verließ wortlos das Kirchenschiff. Kaum hatten sie den schmalen Weg erreicht, der aus der Stadt herausführte, fiel er polternd über sie her: „Was fällt dir ein! Sitzt da und träumst vor dich hin, während wir das Gebet sprechen!!! Hast du denn keinen Respekt vor der heiligen Kirche???“ Das war zuviel. Josefine sollte Respekt haben vor einer Kirche, die ihre arme Schwester wie ein Kaninchen gejagt und gehetzt hatte? Sie gefoltert und am Ende verbrannt hatte? „Respekt? Pah!“ Josefine spuckte aus. „Wie kann ich Respekt haben vor einer Kirche, die junge Frauen einfängt und sie solange auspeitscht bis sie alles sagen, was der Inquisitor hören will??? Wie rechtfertigen sie das?!?“ Josefine sah Heinrich an und wusste plötzlich, das sie zu weit gegangen war. Mit wutverzerrtem Gesicht stürzte er auf sie zu. „Dich werde ich Respekt lehren du undankbares Stück!!“ Schon war er bei ihr und versetzte ihr einen Schlag, das ihr Kopf zur Seite flog. Rotbrodelnder Zorn flammte in ihr auf und dann hatte sie plötzlich diesen Stein in der Hand. Im nächsten Moment sackte Heinrich regungslos zu Boden. Blut sammelte sich in einer Pfütze unter seinem Kopf und Josefine starrte fassungslos darauf. Was hatte sie getan? Sie hatte ihn getötet! Was sollte jetzt aus ihr werden? Hier konnte sie nicht bleiben! Ohne wirklich zu wissen wohin floh Josefine. Sie rannte den Weg entlang und da war sie, ihre Rettung. Im Wald würde sie sicher sein.
22:19 Veröffentlicht in Geschriebenes | Permalink | Kommentarstatus (2) | Per Email verschicken




Kommentarstatus
Ist das etwa der Text, mit dem du nicht zufrieden warst? Der ist doch super! Das Ende hat ja fast was vom Faust. Aber da hast du bestimmt nich geklaut, oder?
Ich finds einfach toll, wie du die Sachen, Begebenheiten und Gefühle beschreiben kannst.
Es ist schon ne lange Zeit her, dass ich mich nach so kurzem Lesen schon in die Szenen als Zuschauer reinversetzen konnte.
PS: Ich will wissen, wies weiter geht!
Veröffentlicht von: Mörßl | 17.05.2006
ja das ist er - ich hatte halt das gefühl, das ich schon mal besser geschrieben hab... das er dir so gefällt erstaunt mich dementsprechend ein bisschen *grins* fortsetzung? mal sehen, vielleicht schreib ich mal ne lange version davon - ursprünglich sollte Josie als Ketzerin (immerhin spricht sie sich gegen die hexenverfolgung aus) und Mörderin von der Inquisition geschnappt und verurteilt werden, aber das wär zu lang gewesen.... und geklaut ist da nichts :-)
Veröffentlicht von: Melly | 18.05.2006
The comments are closed.