15.06.2006

Dunkelmond

Unsere Hausaufgabe für diese Woche war echt schwer... wir bekamen vier Sachen, die wir in unserer Geschichte unterbringen sollten - der Haken an der Sache war, das es sich dabei um unsere Hauptperson für den ganzen Kurs handeln sollte - bei mir also die Ventana und seine Lebewesen. Ich musste eine Reise zu Pferd in eine fremde Stadt, ein Monster unterm Bett, einen Kampf gegen einen Bären und einen umgefallen Sack Reis einflechten - ok, dachte ich, kriegst du schon irgendwie hin. Wie war das noch? Ein Kampf Monster gegen Pferd, ein umgefallener Bär und eine Reise zum Reisfeld - äh, ich meine, ein Kampf zwischen Monster und Bär um einen Sack Reis, und ein Pferd, das vor Langeweile beim Zugucken einschläft und umkippt... Ach, lest am besten selbst :-P


Es war Nacht. Die Strahlen der drei Monde tauchten Ventana in ein diffuses grünlich-blaues Licht. Der Fluss, an dessen Ufer sie ihr Lager aufgeschlagen hatten, schimmerte träge im Mondschein, als plötzlich – ein Schrei hallte durch die Luft und wimmernde Laute folgten. Thaliona war sofort hellwach. Alarmiert sah sie sich um, die kräftigen Flügel kampfbereit ausgebreitet. Was war das? Ein Angriff? Bei der Gesegneten, die Kinder mussten geschützt werden! „Thaliona? Thali, wo bist du?!“ Kitusch kam auf sie zugelaufen. Seine schwarzen Haare waren ganz verstrubbelt vom Schlaf – selbst die kleinen Federchen, die seine spitzen Ohrmuscheln säumten sahen zerzaust aus. In der Hand hielt er ein kleines Plüschtier, das er fest an sich drückte. „Da ist ein Monster in unserem Zelt“ schniefte das Mondkind und schmiegte sich in Thalionas Arme. Diese lächelte – das war also der Grund für den Schrei gewesen. „Aber nein, du hast nur schlecht geträumt. Die Monster sind ganz weit weg, hinter dem leeren Land – die kommen nicht mehr her.“ versuchte sie den kleinen Jungen zu beruhigen. „Ganz weit weg? Und sie kommen wirklich nicht wieder?“ „Natürlich, ich war doch selbst dabei, als wir sie vertrieben haben. Und jetzt musst du schlafen, du willst doch ausgeruht sein, wenn wir morgen im fürstlichen Turm ankommen.“ „Aber ich kann jetzt noch nicht schlafen... Erzähl mir eine Geschichte!“ Bettelnd sah Kitusch sie an, und in seinen dunklen Augen konnte sie ihr Spiegelbild erkennen: kurze Haare, ein zartes Gesicht, weiße Engelsflügel, die so gar nicht zu ihrer dunklen Lederrüstung passen wollten. Thaliona war ein Kind der Vergangenheit, sie gehörte einem Volk von bis zu zwei Schritt großen geflügelten Wesen an, die sich dem Schutz und der Pflege Ventanas verschrieben hatten. „Also gut“ seufzte sie, obwohl sie genau wusste, welche Geschichte Kitusch hören wollte. Sie hatte sie dem Mondkind schon so oft erzählen müssen, das man es fast schon ein Ritual nennen konnte. Die Geschichte von Dunkelmond gehörte auf Ventana zum Volksgut, und kaum einer achtete mehr auf die dunkle Bedrohung, die hinter der Prophezeiung lauerte. „Es war in einer Nacht wie dieser. Kirta, Zurta und Norta standen schon lange am Himmel, als in einem kleinen Dorf eine alte Frau eine Vision hatte. Sie sah ein Mondkind bei seinem Ritus, aber es bekam keine magische Gabe. Es wurde nicht mit Licht erfüllt und deshalb nannte man es Dunkelmond. Trotzdem war jedem klar, das dieses Kind etwas Besonderes war. Dann hatte die alte Frau zwei weitere Visionen – in der einen sah sie Dunkelmond als Kind am fürstlichen Hof und alle feierten. In der zweiten jedoch...“ Thaliona stockte, aber Kitusch erzählte die Geschichte für sie zu Ende. „In der zweiten Version sah sie Dunkelmond als Erwachsenen – und diesmal waren alle ganz traurig, weil Dunkelmond die Fürstin getötet hat. Aber das geht ja gar nicht, die Gesegnete ist ja unsterblich!“ Zufrieden mit dieser Feststellung gähnte Kitusch noch einmal ausgiebig und schlief an Thaliona gekuschelt ein. Diese strich ihm eine Locke aus der Stirn und wünschte sich die Gelassenheit ihres Schützlings – doch leider wusste sie es besser. Die Tochter der Elemente, die Herrscherin über Ventana war nicht unsterblich – unter bestimmten Bedingungen konnte sie getötet werden, und das würde das Ende für die Welt bedeuten, in der Kitusch bisher so unbeschwert gelebt hatte. Wächst es auf bei den Engeln, bleibt Dunkelmond rein – unser aller Rettung wird das Mondkind dann sein. Doch wenn es auf Dämonen hört, die Welt Ventanas wird zerstört. Trauer wird herrschen, das Gras blutigrot – Dunkelmond bringt der Gesegneten Tod! Schaudernd erinnerte sich Thaliona an die vielen Kriegsjahre, die auf diese Prophezeiung gefolgt waren. Dämonen und böse Geister waren zu Tausenden aus dem unaussprechlichen Dunkel im Norden ins Land eingefallen und hatten die Drillingskinder dreier Familien geraubt. Bei dem Versuch, die Kinder zurückzuerobern, starben die Familien vollständig aus – nur die nach ihnen benannten Ländereien erinnerten noch an sie. Die Dämonen hatten die Kinder in der Hoffnung gestohlen, das eines von ihnen sich als lichtlos erweisen würde – ein Mondkind ohne magische Gabe, wie es in der Prophezeiung geschrieben stand. Aber scheinbar war Dunkelmond nicht unter den Kindern gewesen – die Lun*Ala lebte noch und regierte das Land in Liebe und Gerechtigkeit. Und so bangten die Kinder der Vergangenheit weiterhin um das Leben ihrer Fürstin und fürchteten bei jedem Ritus des Lichts, das einer ihrer Schützlinge sich als nicht magisch entpuppen sollte. Vorsichtig stand Thaliona auf und brachte Kitusch zurück ins Kinderzelt. Dort stand sie noch lange im Mondschein und wachte über den Schlaf der kleinen Gruppe. Am nächsten Tag machten sie sich auf zum fürstlichen Turm. Die Kinder waren aufgeregt – kein Wunder, schließlich waren sie auf dem Weg zu ihrem Ritus. Die Pferde ließen sich davon nicht beeindrucken und trotteten gemächlich vor sich hin. Der Himmel hatte seine Farbe gewechselt – statt des grün-blau-brauen Gemischs der Nacht verbreiteten jetzt die Geschwistersonnen Lanula und Lavia ihr fast purpur anmutendes Licht. Es würde nicht mehr lange dauern, dann würde auch die cremefarbende Scheibe Lanijas am Himmel stehen und das Purpur zu einem zarten Farbenspiel aus Rosa und Flieder aufhellen. Urplötzlich scheute eines der Pferde und versuchte, aus seinem Geschirr auszubrechen. Noch bevor Thaliona erkennen konnte, was geschehen war, ertönte ein dumpfes Grollen und ein schwarzer Schatten kreuzte den Weg des kleinen Zuges. Die Kinder schrieen und rannten durcheinander in dem Versuch, sich zu verstecken. Thaliona riss die Augen auf – ein riesiger Bär stand auf dem Pfad, die klauenbewehrten Tatzen drohend erhoben. Ein weiteres der Pferde scheute und drohte, eines der Kinder unter seinen Hufen zu begraben. Thaliona schrie auf – gerade noch rechtzeitig brachte einer ihrer Begleiter das Mondkind durch einen beherzten Sprung in Sicherheit. Dann war auch schon Sinela zur Stelle. Noch während er sich in die Luft erhob spannte er mit einer geschmeidigen Bewegung seinen Bogen und zielte. Sinela war ein Meisterschütze, im Krieg hatten seine Pfeile mehr als einem Kind der Vergangenheit das Leben gerettet. Auch diesmal verfehlten seine ruhigen Hände das Ziel nicht – ein gefiederter Schaft durchbohrte das rechte Auge des Bärs und ließen ihn vor Schmerz aufbrüllen. Ein wahrer Pfeilregen folgte, als weitere Schützen sich in die Luft begaben und auf den Bären feuerten. Bald brach das Tier auf dem Pfad zusammen und blieb blutüberströmt liegen. Es dauerte eine Weile, bis sie alle Pferde wieder eingefangen hatten, und es dauerte noch länger, die verschreckten Kinder soweit zu beruhigen, das sie ihren Weg fortsetzen konnten. Doch schließlich war der Tross wieder unterwegs, und endlich sahen sie die silberne Spitze des fürstlichen Turmes vor sich. Hier wollten sie einen Tag rasten, bevor sie ihre Reise zum Hain der Ahnen vollenden würden, wo die Mondkinder sich ihrem Ritus des Lichts unterziehen sollten. Im Turm lebte die Lun*Ala, die geliebte Herrscherin Ventanas. Es war Brauch, das sie beim Ritus zugegen war, und so reisten alle Mondkinder, die ihre Gabe erhalten sollten, zunächst zum fürstlichen Hof, um von dort in Begleitung der Gesegneten ihren Weg fortzusetzen. Beim Durchqueren des Stadttores mussten sie an einigen mit Säcken beladenen Wagen vorbei. Die Menschen winkten den Kindern freundlich zu. Sie alle hatten einmal diese Reise gemacht und ihre jeweilige Gabe bekommen. Einige waren vom Licht der Heiler oder Hellseher erfüllt, andere konnten Gedanken lesen und wieder andere waren der Teleportation oder der Telekinese mächtig. Und dann gab es noch die Beschwörer von Wind, Licht und Wasser, die ihre Gabe vor allem in der Landwirtschaft einsetzten, aber zu Kriegszeiten auch überaus effektive Kampfmagier abgaben. Aus dem Augenwinkel sah Thaliona, wie ein Paar der Kinder miteinander rangelten. In Folge dieser Drängelei kippte einer der Säcke auf dem Wagen um und ein Schwall kleiner weißer Körner ergoss sich auf den Weg. Seufzend machte sie sich auf, die Missetäter einzufangen. Die Kinder mussten lernen, die Früchte des Windes zu ehren, und so hielt Thaliona sie nach einer kleinen Strafpredigt an, sich bei dem Händler zu entschuldigen, dem die Säcke gehörten. Lächelnd nahm dieser die Entschuldigung an, und sein Lächeln verstärkte sich noch, als Thaliona ihm eine kleine Münze zur Entschädigung gab. Vor ihnen ragte die schlanke Säule des Turmes auf – endlich waren sie am ersten Ziel ihrer Reise angekommen.

The comments are closed.