06.07.2006
Thaliona als Schutzengel
Unsre Hausaufgabe für diese Woche war echt gemein... Wir sollten jemanden beobachten und ihn möglichst genau beschreiben - gut, dachte ich, während ich so durch die Uni streunte und mir ein passendes "Opfer" aussuchte, kann ja nicht so schwer sein. Der Kandidat war schnell gefunden, ein Mann so um die 40, der den Süßigkeitenautomaten im GW2 reparierte - der konnte mir wenigstens nicht wegrennen und so konnte ich mir auch ganz gemütlich eine halbe Stunde Zeit nehmen, um ein genaues Portrait von ihm zu erstellen. Mit dieser Beschreibung ging es wieder in den Kurs und da hatte unsere Dozentin dann die geniale Idee, wir sollten zum nächsten Mal eine Geschichte schreiben, in der wir die beschriebene Figur und unsere Hauptfigur zusammenbringen. O_o *panik* Auf Ventana gibt es keine Süßigkeitenautomaten und soweit ich bisher weiß auch keine Mechaniker... Was nun? Ich hätte aus dem Mechanilker einen grummelnden Handwerkerzwerg und aus Thaliona eine hochmütige Elfe machen können, aber - Elfen sind so mainstream im Moment und so entschoß ich mich zu etwas anderem. Da mich Engel im Moment total faszinieren machte ich aus Thali kurzerhand einen Schutzengel und aus dem Mechaniker dessen Schützling. Enjoy ;-)
Da bist du ja wieder. Hab dich lange nicht gesehen… Bist du gekommen, um mich abzuholen? Lass mir noch ein wenig Zeit, nur ein bisschen, ich bin noch nicht fertig mit Erinnern… Weißt du noch, damals, als ich auf den Baum kletterte und nicht mehr runter konnte? Niemand glaubte mir, als ich erzählte, ein Engel habe mich gerettet. Sie taten es als Plapperei eines Fünfjährigen ab und bestimmten, ich sei allein vom Baum geklettert. Aber ich wusste es besser – plötzlich warst du da, groß, schlank, stark. Die Sonne schien von hinten auf deine Flügel und umgab dich mit einem goldenen Strahlenkranz. Du nahmst mich in deine Arme und wir schwebten zu Boden. Von da an sah ich dich jeden Tag. Wenn ich mich allein fühlte, konnte ich mir sicher sein, das du da warst und mit deinen sanften Augen lächelnd auf mich herabsahst. Wenn ich von der Schaukel fiel, hast du mich aufgefangen damit ich mir nicht wehtat. Später hast du mich beschützt, als ich auf dem Schulhof herumgeschubst wurde. Aber mit der Zeit sah ich dich seltener. Als Jugendlicher hatte ich andere Dinge im Kopf - Mädchen und Feiern waren mir wichtiger als auf dich zu achten. Trotzdem warst du da und hast weiter nach mir gesehen. Ich weiß noch, eines Nachts nach einem Diskobesuch war ich auf dem Weg nach Hause, als ich überfallen wurde. Plötzlich stand da dieser Kerl und richtete eine Waffe auf mich. Ich dachte schon, ich müsste sterben – aber du warst da. Du stelltest dich genau zwischen uns, vor die Mündung der Pistole, deine starken weißen Flügel schirmten mich ab. Staunend sah ich, dass der Räuber seine Waffe fallen ließ und unverrichteter Dinge abzog. Ich war dir so dankbar! Ich konnte mich auf dich verlassen – und trotzdem achtete ich nicht auf dich. Immer waren andere Dinge wichtiger als du – erst die Ausbildung zum Mechaniker, dann meine Ehe mit Laura. Der Job war stressig, und wenn ich nach Hause kam, warteten Frau und Kind auf mich. Engel wurden zu Kindergeschichten und langsam vergaß ich dich immer mehr. Kurz dachte ich an dich, wenn Sarah ein Bild aus dem Kindergarten mit nach Hause brachte, auf dem sie einen Engel gemalt hatte. Oder wenn sie erklärte, ihr neuer Freund habe große weiße Flügel und einen Bogen und er würde sie beschützen. Natürlich haben wir diesen Begleiter nie gesehen, aber das beunruhigte uns nicht. Im Alter von vier Jahren ist es schließlich nicht ungewöhnlich, wenn Kinder sich unsichtbare Freunde suchen. Sie hatte ihm sogar einen Namen gegeben – Sinela. Wenn sie von ihm sprach blitzte manchmal dein Bild in meinen Gedanken auf. Flüchtige Erinnerungen an dich wurden wach – zärtliche Arme, die mich sanft festhielten, meine kleine Hand von deinen schlanken Fingern umschlossen, deine strahlenden Augen, die liebevoll auf mich gerichtet waren. Auch du hattest einen Bogen und hast mich beschützt, und überhaupt war Sarahs Beschreibung von Sinela deiner Gestalt sehr ähnlich. Aber ich redete mir ein, dass das nicht sein könnte - es gab keine Engel und als Erwachsener durfte ich mich nicht in solchen Kindergeschichten verlieren. Gut, das Sarah in dem Punkt anders war. Als sie erwachsen wurde und selbst eine Familie gründete erzählte sie ihren Kindern mit leuchtenden Augen von Sinela, ihrem Schutzengel. Es kümmerte sie nicht, was ihr Mann oder die Lehrer der Kinder davon hielten. Es erstaunte mich, dass sie so unbekümmert war und nachts, wenn ich nicht schlafen konnte, grübelte ich darüber nach. Dann wurde ich krank – ein Schlaganfall fesselte mich an mein Bett. Ich erholte mich zwar wieder, aber mit der Zeit holte das Alter mich ein. Immer öfter blieb ich lieber im Haus statt mit meinen Enkeln zu spielen. Meine Augen wurden immer schwächer, bis ich fast nichts mehr sah. Meine Ohren hörten nicht mehr so gut und meine Stimme wurde immer leiser, wenn ich etwas erzählte. Schließlich musste Laura sich sehr anstrengen, um mein Flüstern zu verstehen. Es ist gut, das du jetzt da bist um mich zu holen – ich bin alt und müde geworden. Ich bin bereit zu gehen und freue mich darauf, noch einmal mit dir fliegen. Ich…
Der Kopf des kleinen Greises sackte zur Seite, seine Augen schlossen sich, und ein friedliches Lächeln umspielte seine Lippen. Sanft umfing Thaliona seine Seele und zusammen verschwanden sie in einem kleinen silbernen Nichts.
13:25 Veröffentlicht in Geschriebenes | Permalink | Kommentarstatus (2) | Per Email verschicken




Kommentarstatus
hi melli
eine schöne geschichte. hoffe noch mehr so tolle sachen von dir lesen zu dürfen.
bis dann rienchen
Veröffentlicht von: Marina | 13.07.2006
ich hatte als kind kein schutzengel.
dafuer hab ich jetzt zwei.
Veröffentlicht von: cate | 26.07.2006
The comments are closed.